Die Claretiner

 

Unsere Gemeinschaft erlebte seit ihrer Gründung im Jahr 1849 eine äußerst bewegte und wechselvolle Geschichte. Sie ist rasch gewachsen, obwohl Pater Claret kurz nach der Gründung als Erzbischof nach Kuba berufen wurde. 1890 waren es schon tausend Mitglieder, um 1925 bereits zweitausend (ab 1924 die ersten auch in Deutschland), und heute gibt es in mehr als 60 Ländern der Welt über 3000 Claretiner. 

 

Wallfahrtskirche auf dem Dreifaltigkeitsberg Spaichingen

Wie alles begann

  

Vor Weihnachten 1907 traf sich der Ordensgeneral der Claretiner Pater Martin Alsina im Hotel Quirinal in Rom mit einem Kardinal zu einer Unterredung. Der junge Kellner, der sie bediente, war ein Deutscher: Herr Mallmann aus Andernach/Rhein. Im Gespräch ergab sich, der Kellner wollte gern Missionar werden. Pater Alsina gab ihm eine Chance und schickte ihn zum Studium nach Spanien.

 

Der neue Kandidat versuchte, andere deutsche Schüler zum Studium nach Spanien einzuladen. Er veröffentlichte in deutschen Zeitungen Anzeigen über die Claretiner. Ein solcher Text lautete: „An der alten Universität in Cervera, Spanien, besteht ein Missionskolleg. Jungen, die sich von Gott berufen fühlen, in den Missionen zu arbeiten, können eine Anfrage an den Superior des Kollegs richten. Im Fall der Aufnahme werden sie unentgeltlich zum Studium der Theologie und zur Vorbereitung auf das Priestertum zugelassen.“ Die Anzeige wurde von vielen gelesen. Es kamen immer mehr Schüler nach Cervera. Bald eröffnete man ein Gymnasium für deutsche Studenten. Bis zum ersten Weltkrieg fanden über hundert junge Männer den Weg nach Spanien zu den Claretinern. Im Krieg wurden die Grenzen gesperrt. Es durfte niemand mehr einreisen.

 

Erster Weltkrieg

 

Die jungen Deutschen, von der Heimat abgeschnitten, wurden von den spanischen Claretinern liebevoll betreut. Jahre vergingen. Freilich kamen nicht alle ans Ziel. Etwa vierzig Deutsche wurden Claretiner.

 

Zwei Monate vor Kriegsbeginn erhielt der erste deutsche Claretiner die Priesterweihe: Pater Johannes Riehl aus Batzhausen (Mittelfranken). 1922 kam er nach Argentinien. Er nahm sich dort besonders der Armen und Kranken an.

 

Jahr für Jahr wurde eine kleine Gruppe Deutscher zu Priestern geweiht. Einige kamen als Missionare nach Südamerika: Brasilien, Argentinien, Kolumbien. Andere wurden in Spanien eingesetzt oder kamen nach Rom zum weiteren Studium.

 

Die ersten Schritte in Deutschland

 

Nachdem die erste demokratische Regierung Deutschlands das seit rund fünfzig Jahren bestehende Verbot, Niederlassungen neuer Ordensgemeinschaften zu gründen, aufgehoben hatte, war endlich auch der Weg zu einer Rückkehr in die Heimat frei. Unter großen Schwierigkeiten, in äußerster Armut und mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen wurden die ersten Stützpunkte gegründet: in Spaichingen bei Rottweil auf dem Dreifaltigkeitsberg (1924), in Weißenhorn bei Neu-Ulm (1925), in Würzburg (1930) und in Frankfurt/Main (1934).

 

Rückschläge blieben nicht aus

 

Ende der dreißiger Jahre wurden alle Seminare vom Naziregime aufgelöst. In den Kriegsjahren wurden unsere Niederlassungen in Frankfurt und Würzburg durch die Luftangriffe zerstört worden, unser Kolleg in Weißenhorn wurde von den Nationalsozialisten enteignet und als Lehrerinnenbildungsanstalt genutzt. Nur der Dreifaltigkeitsberg bei Spaichingen blieb uns als Wallfahrtskirche. Auch zwei kleine Pfarreien in Oberschlesien wurden weiterhin von unseren Patres betreut.

 

Nicht nur die Niederlassungen wurden zerstört bzw. enteignet, auch viele Mitbrüder sind im Krieg gefallen oder vermisst. Wenn wir berücksichtigen, dass im Jahre 1939 die ersten in Deutschland ausgebildeten Claretiner zu Priestern geweiht und sofort als Soldaten eingezogen wurden, war der Verlust von 13 gefallenen oder vermissten jungen Mitbrüdern sehr schmerzlich. Unsere Ordensgemeinschaft in Deutschland verlor so fast die Hälfte der Mitglieder. Heute noch wird man nachdenklich, wenn man in der Liste der Verstorbenen die Namen jener jungen Leute liest, die in dem unsinnigen Krieg ihr Leben gelassen haben oder bis heute vermisst sind: Frater Ehgartner mit 29 Jahren gefallen, Bruder Felix mit 29 Jahren, Pater Hamann mit 31 Jahren, Bruder Kohler mit 33 Jahren, Frater König mit 27 Jahren, Bruder Krotzek mit 23 Jahren und so alle weiteren zwischen 20 und 35 Jahren. Junge Mitbrüder, die sich für den missionarischen Dienst als Claretiner entschieden hatten und ihr Leben im Krieg verlieren mussten 

 

Von den anderen Soldaten kamen einige nicht mehr zu unserer Gemeinschaft zurück, sondern gingen ihre eigenen Wege. Um so größer war die Freude bei den zu Hause gebliebenen älteren Mitbrüdern, wenn ein junger Pater, Bruder oder Student sich nach der Gefangenschaft meldete und den begonnenen Weg als Claretinermissionar weitergehen wollte.

 

Ein neuer Frühling

 

Auch für uns Claretiner begann nach dem 8. Mai 1945 wieder eine neue Epoche. So konnte 1946 ein erstes Noviziat in Weißenhorn eröffnet werden. Dort hatten nach Kriegsende zuerst die Amerikaner unser Haus besetzt, dazu hatte sich das Landratsamt Neu-Ulm bei uns eingerichtet. Mit einigen Schwierigkeiten konnten wir das Haus für uns Claretiner zurückgewinnen und dort behelfsmäßig wieder die Schule eröffnen, das Claretinerkolleg, das 1941 von den Nazis geschlossen worden war. Ab 1946 wurden dort auch die Novizen in das Ordensleben eingeführt. Alle sechs Novizen waren vom Krieg zurückgekehrt, wo sie als Soldaten ein Leben geführt hatten, das mit dem Ordensleben nicht dass Geringste zu tun hatte. Mit viel Mut und Zuversicht hatten sie das Soldatenleben durchgestanden, wurden zum Teil verlacht und angefeindet, wenn man erfuhr, dass sie Priester oder Missionsbruder werden wollten. Nun mussten sie wieder lernen, sich in das Leben einer Ordensgemeinschaft einzuordnen. Und als sie nach dem Noviziat zum Studium nach Frankfurt oder Würzburg geschickt wurden, mussten sie sich oft eher beim Hausbau verdient machen als hinter Büchern zu sitzen und sich dem Studium der Theologie zu widmen.

 

Dabei wusste man oft nicht, woher man das Material zum Bauen besorgen sollte, und manchmal auch nicht, woher das Essen kommen würde, mit dem die jungen Mitbrüder, die ausgehungert vom Krieg nach Hause gekommen waren, satt werden sollten. Mit „Beziehungen“, wie man das damals allgemein nannte, konnte weitergebaut werden. Und gute Schwestern haben oft unseren Gemeinschaften geholfen und ihnen das Essen für die Studenten besorgt.

 

Langsam wurden aus den Ruinen in Frankfurt und Würzburg wieder bewohnbare Häuser. Oft sah man in Frankfurt den P. Superior Schweiger, unseren späteren Generaloberen, auf dem Platz des Neubaues, wie er die alten Backsteine der Ruinen säuberte, damit sie zum Bauen gebraucht werden konnten. Das Holz organisierte man aus dem Spessart, aus der Rhön oder aus dem Bayrischen Wald. So konnten 1948 die ersten Studenten, die bisher in einer Etage eines Hauses am Südbahnhof wohnten, in das neue Seminar am Mühlberg umziehen, auch wenn der Neubau eher einem Rohbau glich. „Aus Ruinen erwachte neues Leben“, könnte man sagen.

 

Auch in Würzburg wurde nach der Zerstörung der Stadt im letzten Kriegsjahr (16. März 1945) ein beschädigtes Haus in der Mergentheimer Straße bewohnbar gemacht, so dass Schüler Platz fanden, die sich auf das Abitur vorbereiteten.

 

Von 1946 an konnten jedes Jahr ein paar junge Männer in Weißenhorn mit dem Noviziat beginnen. Jahr für Jahr wuchs deshalb auch die Schar der Studenten in Frankfurt und Würzburg, so dass neue Hoffnung geweckt wurde, dass die Gemeinschaft der Claretiner nach dem „dunklen Winter“ des Krieges und der Verfolgung zu einem neuen „farbigen Frühling“ erwachen konnte.

 

Missionarischer Aufbruch

 

1949 wurde beim Generalkapitel unserer Claretinergemeinschaft in Castel Gandolfo bei Rom der Obere der deutschen Gemeinschaft, unser P. Peter Schweiger, zum Generaloberen der gesamten Ordensgemeinschaft gewählt. Er hatte in den Kriegsjahren in Frankfurt gelebt, musste dort die Zerstörung des Hauses, den Umzug aufs Land in das Schwesternhaus in Kriftel bei Frankfurt, Verhöre der Gestapo (Geheime Staatspolizei) und viele andere Schicksalsschläge erleben und sollte nun die Kongregation in vielen Ländern der Erde leiten. Sein besonderes Anliegen war, dass die Ordensgemeinschaft sich in der ganzen Welt weiter ausbreite. P. Claret, unser Ordensgründer, war doch von der Idee erfüllt: „Mein Geist ist für die ganze Welt.“ So wählte P. Schweiger für sich das Leitwort: „Ad maiora et ampliora” (größer und weiter). Um diese Universalität zu verwirklichen, schickte er einige Studenten aus anderen Ländern zum Studium zu uns nach Deutschland. So kamen junge Claretiner aus Spanien, Portugal und Mexiko nach Frankfurt.

 

Später trat P. Schweiger dann auch an unsere deutsche Gemeinschaft heran, die noch dabei war, sich von den Kriegsfolgen zu erholen, und erwartete von uns, in Holland, in der Schweiz und in Österreich mit der Seelsorgsarbeit zu beginnen. Die Gemeinschaft in Polen sollte verstärkt werden. In Oberschlesien waren nach dem Krieg nur drei ältere deutsche Mitbrüder geblieben. Außerdem wurden uns die Missionen im Kongo (Zaire) und in Indien anvertraut. Später kamen Niederlassungen in Tschechien und Slowenien hinzu. Zwei Mitbrüder halfen beim Aufbau unserer Mission in Sibirien. Und schließlich konnten unsere Mitbrüder in Sri Lanka mit der Missionsarbeit und mit eigenen Ausbildungshäusern beginnen.

 

Inzwischen hat sich unsere Mission in Indien so gut entwickelt, dass dort drei selbständige Ordensprovinzen entstanden sind. Polen wurde in der Zeit des Kalten Krieges ordensrechtlich unabhängig. Und im Juli 2005 wurde auch der Mission im Kongo zusammen mit Kamerun und Gabun die Autonomie gegeben. Tschechien wurde der Ordensprovinz Polen zugeordnet; Holland musste schon vor längerer Zeit wegen Personalmangel aufgegeben werden.

 

Aus dem Neuanfang unseres Wirkens in Deutschland nach dem Krieg wurde mit der Zeit ein weit verzweigtes Tätigkeitsfeld in verschiedenen Ländern Europas und in Afrika und Asien. So konnte sich unsere Gemeinschaft in Deutschland in den 60 Jahren seit Kriegsende gut entfalten, auch wenn in einigen Ländern Krisenzeiten durchgestanden und überwunden werden mussten. Bürgerkriege im Kongo und in Sri Lanka brachten immer wieder Angst und Schwierigkeiten mit sich. Trotz allem haben sich unsere Missionen aber gut entwickelt.

 

Wir können nur mit Dankbarkeit und Freude auf die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg zurückblicken. Dabei vergessen wir nicht, dass uns in all den Jahren viele gute Freunde und Wohltäter geholfen haben, dass diese Entwicklung so gut vorangehen konnte. Das gilt für die unmittelbare Zeit nach 1945, das gilt aber in gleicher Weise für die vielen missionarischen Aufgaben, die wir in all den Jahren in den verschiedenen Ländern Europas, Afrikas und Asiens übernommen haben.

 

Mit Vertrauen in die Zukunft

 

Natürlich macht uns große Sorge, dass auch wir Claretiner wie fast alle Ordensgemeinschaften und Diözesen in Deutschland das Fehlen der Berufungen zum geistlichen Leben spüren müssen. Inzwischen helfen uns mehrere indische Mitbrüder, dass wir die uns gestellten Aufgaben weiterführen können. Wir vertrauen die Zukunft unserer Ordensprovinz dem Herrgott und dem unbefleckten Herzen Mariens an, der Patronin unserer Gemeinschaft. Wir vertrauen aber ebenso auf die geistliche und materielle Unterstützung, auf das Gebet unserer Wohltäter und Freunde, damit wir weiterhin im Geiste unseres Ordensgründers die missionarischen Aufgaben weiterführen können.